Ecosia gibt Mistral auf und setzt auf offene Modelle aus China
Die Berliner Suchmaschine Ecosia beendet die Zusammenarbeit mit Mistral AI. Statt des französischen KI-Anbieters laufen jetzt offene Modelle aus China, gehostet von einer deutschen Plattform in Europa.

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Fünf Monate Mistral
Erst im Mai hatte Ecosia OpenAI durch Mistral ersetzt. Der Schritt passte zum Selbstbild eines Unternehmens, das sich mit Klimaschutz und Unabhängigkeit von großen US-Konzernen profiliert und unter anderem vom Bundesumweltministerium genutzt wird. Zuletzt liefen die KI-Zusammenfassungen in der Suche über Mistral Small 3.2 und der KI-Chat über Mistral Small 4.
Nach Angaben von Firmenchef Christian Kroll, die heise unter Berufung auf Politico wiedergibt, gab es dafür mehrere Gründe. Die Modelle lägen rund ein Jahr hinter der Konkurrenz zurück, und überlastete Server hätten regelmäßig zu Ausfällen geführt. Ecosia sei für die vorhandene Infrastruktur schlicht ein zu großer Kunde gewesen. Hinzu kommen zwei grundsätzliche Bedenken. Der hohe Atomstromanteil in Frankreich passe nicht zu Ecosias Nachhaltigkeitszielen, und Mistrals Unabhängigkeit sieht Kroll wegen großer Investitionen von Geldgebern wie Nvidia und Samsung kritisch (heise).
Der neue Unterbau
Ecosia bezieht seine Modelle jetzt über Melious, eine deutsche Plattform für offene KI-Modelle mit Servern in acht EU-Ländern. Zum Einsatz kommen Qwen von Alibaba, GLM von Z.ai und Kimi von Moonshot AI. Laut Melious verlassen die Daten Europa nicht (Trending Topics). Kroll beziffert den Effekt so, dass die Betriebskosten sich ungefähr halbiert hätten und Qualität und Leistung gleichzeitig gestiegen seien. Welche Ecosia-Funktionen auf welches Modell umgestellt werden, ist bislang nicht öffentlich.
Mistral hält dagegen
Mistral-Mitgründer Guillaume Lample erklärte, starke KI-Systeme bräuchten Zeit und Rechenleistung, und lud Ecosia ein, das neue Mistral Large 4 zu testen. Konzernchef Arthur Mensch sagte laut Reuters, Large 4 schlage die chinesischen Modelle in einigen Bereichen, etwa bei der Cyberabwehr.
Im Intelligence Index von Artificial Analysis kommt Large 4 auf Platz acht der offenen Modelle und ist damit das stärkste außerhalb Chinas. Die ersten sieben Plätze belegen chinesische Modelle. Die offenen Gewichte sollen Ende Oktober folgen. Gleichzeitig baut Mistral seine Cloud zu einem Anbieter für Rechenkapazität und Modell-Hosting um und bietet dort mit GLM 5.3 ausgerechnet ein Modell von Z.ai an, einem Unternehmen, das seit 2025 auf einer US-Sanktionsliste steht (Trending Topics).
Was offen bleibt
Bleibt die Frage nach den Inhalten. Kroll hält Risiken wie Zensur oder politische Einflussnahme in chinesischen Modellen nicht für ein Ausschlusskriterium und meint, sie ließen sich durch gezielte Nachbearbeitung beheben. Rasmus Rothe vom Bundesverband Künstliche Intelligenz widerspricht, denn direkte Zensur lasse sich zwar heraustrainieren, subtile Verzerrungen aus den Trainingsdaten blieben aber erhalten (heise). Für Kroll liegt Europas Zukunft ohnehin weniger im teuren Training eigener Basismodelle als in der Nutzung leistungsfähiger offener Modelle.
Meinung
Ich halte Ecosias Entscheidung für nachvollziehbar, aber unbequem. Ein Suchdienst, der regelmäßig ausfällt, hilft niemandem, und „Made in Europe“ allein bezahlt keine Rechnung. Für mich zeigt der Fall vor allem, wie dünn unsere Auswahl ist, denn wer heute offene Spitzenmodelle will, landet fast zwangsläufig in China. Europäische Rechenzentren sind ein Anfang, doch die Frage, wer die Modelle baut und mit welchen Daten, beantworten sie nicht. Ich glaube, wir brauchen beides: eigene Modelle, die mithalten können, und die Ehrlichkeit, zuzugeben, dass wir davon noch ein Stück entfernt sind.
Reicht es euch, wenn eure Daten in Europa bleiben, auch wenn das Modell dahinter aus China kommt? Schreibt's unter das Video.
